Uni am Limit? Befristung und Zeitdruck belasten Mitarbeiter*innen und Studierende an Hochschulen

5. November 2018 | Von | Kategorie: Aktuelles, Hochschule

Die Hochschulen in Deutschland erleben seit einiger Zeit einen enormen Veränderungsdruck: Exzellenzinitiative, Hochschulpakt, Qualitätsoffensive Lehrer*innenbildung, Digitalisierung, Einführung und Abschaffung von Studiengebühren, Weiterbildungsauftrag, Anwendungsorientierung und Drittmitteltransparenz; die Geschwindigkeit der strukturellen Verschiebungen durch neue Formen von Hochschulsteuerung lässt dabei kaum Zeit und Raum für öffentliche Debatten und eine kritische Begleitung. Eine der Folgen: Die Mitarbeiter*innen konkurrieren aufgrund einer enormen Zunahme von Befristung und Teilzeit-Arbeitsverhältnissen permanent um Stellen. Auf der anderen Seite bewegt sich das Studium durch zunehmende inhaltliche und strukturelle Vorgaben deutlich weg von einem universitären Ideal akademischer und humanistischer Bildung. Ist eine individuelle persönliche Entwicklung und eine intensive Beschäftigung mit Themen an den Hochschulen noch möglich?.

Seit März 2017 arbeitet der Arbeitskreis „Initiative Hochschulen“ des GEW-Kreisverbandes Osnabrück Stadt mit der studentischen Initiative „besser studieren und arbeiten“ der Universität Osnabrück zusammen, um sich für gute Bildung und faire Studien- und Arbeitsbedingungen an Hochschulen einzusetzen. Ausgangspunkt der gemeinsamen Arbeit war die Beobachtung von starker Arbeitsbelastung und einem hohen zeitlichen Druck bei verschiedenen Statusgruppen an den Osnabrücker Hochschulen, die sich mit Berichten von anderen Hochschulstandorten decken und mit den eingangs konstatierten Verschiebungen in einem Zusammenhang gesehen werden.

Eine Veranstaltung mit dem Bildungsforscher Matthias Burchardt von der Universität zu Köln Anfang Dezember 2017 skizzierte, wie sich strukturelle Veränderungen auf Steuerungsebene bezogen auf Forschung, Lehre und Selbstverwaltung auch auf der Ebene des alltäglichen Handelns der beteiligten Akteur*innen statusgruppenübergreifend auswirkt. Durch mehr oder weniger einschneidende bildungspolitische Entscheidungen, beispielsweise die Einführung der sogenannten leistungsorientierten Mittelvergabe[1], wurde an verschiedenen Stellschrauben ein Kosten-Nutzen-Normativ etabliert, welches die universitäre Systemlogik gleichsam schleichend wie tiefgreifend verändert, ja auf den Kopf stellt.

Wie aber sieht der genauere Zusammenhang zwischen diesen strukturellen Veränderungen und der Arbeitsbelastung von Wissenschaftler*innen und Studierenden aus? In einem weiteren Schritt hat die Initiative dazu im Wintersemester 2017/2018 eine Umfrage unter wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen (WiMi) sowie Studierenden (Studis) der beiden Osnabrücker Hochschulen durchgeführt, um sich explorativ dem Phänomen Belastung zu nähern. Dazu wurden zwei Fragebögen (jeweils ca. 50 Items), einer für die Gruppe der WiMis  und einer für die Gruppe der Studis, mit sowohl offenen als auch geschlossenen Fragen entwickelt. Auch wenn die Beteiligung nicht repräsentativ ist und die Fragen explorativen Charakter haben, beeindrucken die erhobenen Daten in ihrer Eindringlichkeit. Auch die große Resonanz mit einer Beteiligung von 216 Studierenden und 136 WiMis zeigt das Interesse an dem Thema. Diese werden für die beiden Statusgruppen im Folgenden zusammengefasst (die konkreten Ergebnisse können bei der Initiative erfragt werden):

Bei der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen fällt zunächst auf, dass es eine große Motivation gibt wissenschaftlich zu arbeiten, viele Antworten zeigen Freude und Zufriedenheit mit der Tätigkeit als solcher. Aber es zeigt sich flächendeckender und permanenter Zeitdruck sowie befristete Beschäftigungsverhältnisse als deutliche Begrenzung dieser grundsätzlichen Freude an der wissenschaftlichen Arbeit, der sich mitunter sogar erkennbar negativ auf die physische und psychosoziale Gesundheit auswirkt.

Auch wenn eine permanente zeitliche Erreich- und Verfügbarkeit für Vorgesetzte, Kolleg*innen und Studierende tendenziell weniger als belastend markiert wird und offenbar akzeptiert respektive normalisiert ist, werden damit einhergehende Entgrenzungsphänomene – Einbußen im Privatleben, fehlender (sozialer) Ausgleich etc. – wiederum als stark belastend wahrgenommen.

Dabei zeigt sich eine deutliche Diskrepanz von tatsächlicher und vertraglich vereinbarter Arbeitszeit, die sich vor allem bei Teilzeitbeschäftigung als prekär beschreiben lässt. Die Befragten mit einer 20-25-Stunden-Woche arbeiten nach eigener Angabe im Schnitt 160% der vereinbarten Zeit. Vollzeitbeschäftigte liegen ebenfalls und immer noch bei einem Verhältnis von 123% der vertraglichen Arbeitszeit.

Vergleichsgruppenanalysen machten deutlich, dass ein Belastungsempfinden bei den Mitarbeiter*innen, die mehr als 120% der vereinbarten Zeit arbeiten (müssen), noch stärker als bei den übrigen Mitarbeiter*innen ausgeprägt ist: Das Phänomen Zeitdruck nimmt also durch Mehrarbeit eher zu als ab.

Sehr klar lässt sich ablesen, dass ein befristetes Arbeitsverhältnis sowie fehlende Perspektiven in sehr hohem Umfang die Belastung der WiMis erhöhen. Es verwundert nicht, dass in dieser Teilgruppe auch die Auswirkungen auf die Gesundheit deutlicher erfahren werden, als in der ohnehin tendenziell stark belasteten Gesamtgruppe:

Quelle: GEW OS

Bei der Frage nach Veränderungsvorschlägen dominieren der Wunsch nach gerechteren („für 100% Arbeitsleistung auch 100% bezahlt [zu] werden“;) und originären („mehr Zeit für die eigene Forschung“) Arbeitsverhältnissen, die „Planungssicherheit“ bieten, um in Ausnahmefällen eine wiederholt verschobene Familienplanung endlich zu realisieren.

Bei der Umfrage unter Studierenden sind vier Punkte deutlich geworden. Erstens monierten Studierende die geringe Gestaltungsmöglichkeit, zweitens den Leistungsdruck, drittens den Zeitdruck. Viertens wurden die gesundheitlichen Auswirkungen der Belastung im Studium bei den Antworten auf die offenen Fragen sichtbar.

Die Studierenden fühlen sich weitestgehend in ihren Fähigkeiten gefördert, aber bemängeln die fehlenden Gestaltungsmöglichkeiten im Studium. Dieser Wunsch nach mehr Freiheit im Studium richtet sich einerseits auf allgemeine bzw. fachfremde Kurse zum Studium, also der Verfolgung eines allgemeinen Bildungsinteresses. Andererseits erwähnen die Teilnehmer*innen der Studie auch, dass sie gerne mehr Flexibilität bei der Wahl fachspezifischer Kurse hätten, bzw. mehr Kurse in ihrem Fach belegen möchten als vorgesehen sind. Allerdings fehlt die Zeit für weitere Kurse oder für eine tiefergehende Beschäftigung mit inhaltlichen Themen.

Viele Studierende empfinden Leistungsdruck und fühlen sich dadurch belastet, Noten sind der Mehrzahl wichtig. Zwar hat das Gros der antwortenden Studierenden den Eindruck, dass sie die gestellten Anforderungen der Lehrenden erfüllen kann, aber gleichzeitig sagen sie auch, dass die Anforderungen nicht höher sein dürfen. Den Antworten konnten wir entnehmen, dass es unter den Studierenden durchaus Konkurrenzdenken gibt und sie das Gefühl haben, mit anderen Studierenden verglichen zu werden, zum einem beim Zugang zum Masterstudium, zum anderen auch bei der Jobsuche. Es besteht die Angst, im Studium und im Übergang zum Beruf nicht mithalten zu können, was einen erheblichen Druck auf die Studierenden ausübt.

Die dritte Fokussierung, die Belastung durch Zeitdruck, wird sehr sichtbar: Das Gefühl, ständig unter Zeitdruck zu stehen, stresst die Studierenden. Dieser Zeitdruck schlägt sich in unterschiedlichen Punkten nieder:

  1. Die Studierenden haben keine Zeit für Vertiefungen oder Wiederholungen.
  2. Das Lerntempo ist vorgegeben und muss eingehalten werden. In den offenen Antworten gab es Aussagen dahingehend, dass manche nicht zum Arzt gehen oder eine Krankheit verschleppen, weil sie eine Sitzung nicht verpassen wollen.
  3. Häufig wird in den offenen Antworten die Festlegung von Prüfungen kritisiert. So finden sehr viele Prüfungen in der letzten Vorlesungs- und der ersten Ferienwoche statt. Dadurch ist es schwer möglich, sich auf die Prüfungen sorgfältig vorzubereiten.
  4. Die Studierenden orientieren sich an der Regelstudienzeit und das Überschreiten dieser löst Stress aus. Das ist einerseits für die Studierenden relevant, die abhängig sind vom BAföG. Insgesamt haben aber über 60% angegeben, dass die Regelstudienzeit für sie relevant ist und sie das Gefühl haben, in Regelstudienzeit das Studium beenden zu müssen.
  5. Für gesellschaftliches Engagement bleibt den Studierenden größtenteils keine Zeit.

Diese Belastung im Studium hat Auswirkungen auf das Privatleben, aber auch auf die Gesundheit. So haben 50 von 216 Personen angegeben, dass sie unter Schlafproblemen leiden. Aber auch Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Magen-Darm-Erkrankungen, Probleme mit dem Immunsystem und häufige Erkältungen werden genannt. Besonders auffällig ist auch die vermehrte Nennung von psychischen Erkrankungen. Einige erwähnen, dass sie sich wegen des Stresses und dessen Auswirkungen isoliert haben.

Quelle: GEW OS

Unsere Daten zeigten zunächst, dass die Finanzierung des Studiums keinen Stress für die überwiegende Mehrheit der Studierenden bedeutet. Als wir uns allerdings die Antworten auf die offenen Fragen angeschaut haben, wurde deutlich, dass es für die Personen, für die die Finanzierung ein Problem darstellt, weil sie vielleicht kein BAföG oder kein Geld von ihrer Familie bekommen, eine große Herausforderung ist, das Geld für das Studium zu verdienen und gleichzeitig zu studieren. Für diese Studierenden ist es sehr stressig, ein Vollzeitstudium zu verfolgen, dort Termine für Seminare und Vorlesung zu bekommen und gleichzeitig Arbeitszeiten erfüllen und Geld verdienen zu müssen.

Mit den Umfrageergebnissen werden Phänomene sichtbar, die als Anzeichen für eine veränderte Arbeits- und Studienumgebung deutbar sind. Was aber bewirken diese Veränderungen? Um aus dem komplexen Feld der Faktoren und Akteur*innen wesentliche Aspekte herauszuarbeiten, wird die Gruppe versuchen, diese Phänomene auf konkrete Steuerungsinstrumente und Steuerungshandeln zurückzuführen. Eine Governance-Analyse soll daher die Lücke zwischen den vermuteten allgemeinen Ursachen und den konkreten Belastungen schließen.

Die Spur wird daher als nächstes bei der leistungsorientierten Mittelvergabe aufgenommen. Wenn von der Grundfinanzierung (nicht von Drittmitteln) einer Hochschule ein Teil abgezweigt wird, ist die Hochschule zunächst einmal unterfinanziert, selbst unter der Annahme, dass zuvor die Finanzierung ausgereicht hätte (was nicht so ist). Wenn die Mittel dann nach bestimmten Kriterien an die Hochschulen umverteilt werden, wird es gewinnende und verlierende Hochschulen geben. Die Verliererinnen unter den Hochschulen bleiben dann unterfinanziert, um die Gewinne der anderen Hochschulen zu finanzieren. Dieser Mechanismus macht die Jagd nach den Kennzahlen zu einer Frage des Überlebens.

Wenn aber für die Steuerung der Hochschule die Einhaltung der Regelstudienzeit wichtig wird, um die Kennzahlen nicht zu verfehlen, sind Studiengänge nicht mehr vorrangig für die Bereitstellung und Unterstützung bildungsbiographischer Entwicklungen da, sondern für die Erzeugung bzw. Rettung von Geld. Wenn die Zahl von Promotionen wichtiger wird als die Qualität der damit verbundenen Forschung, sind Promotionsstellen nur noch potenzielle Mittelquellen und keine Arbeitsplätze für wissenschaftliche Entwicklung von Projekten und Menschen. Befristung, Teilzeitbeschäftigung und Zeit- und Erfolgsdruck sind unmittelbare Folgen einer so ausgerichteten Arbeits- und Studienkultur.

Insgesamt geht damit die Umkehrung der Zweck-Mittel-Relation einher: Forschungsgeld dient nicht der Ermöglichung von Forschungsprojekten, sondern Projekte dienen der Erwirtschaftung von Haushaltsmitteln. Mittel dienen nicht der Ermöglichung und Verbesserung von Studium, sondern Studierende und Studienabschlüsse dienen der Erwirtschaftung von Mitteln.

Dieser Spur sollen die nächsten Schritte der Arbeitsgruppe folgen. Kooperationen sind dabei erwünscht.

Wir sind an Kontakt zu anderen Gruppen interessiert: besserstudierenundarbeiten@gmx.de; hochschulen@gew-os.de

[1]Die leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) verteilt einen Anteil der Grundfinanzierung der Hochschulen nach quantitativen Kriterien wie Studierendenzahl, Absolvent*innen nach Studiendauer, Drittmittel oder Promotionen. In Niedersachsen werden 10 % der Grundfinanzierung nach diesen Kriterien zwischen den Hochschulen umverteilt.

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