Flüchtlingskinder brauchen Verlässlichkeit – Podiumsdiskussion über die Beschulung von Migranten

24. November 2015 | Von | Kategorie: Aktuelles, Veranstaltungen & Fortbildungen

S. OSNABRÜCK. Osnabrück ist bei der Beschulung von Flüchtlingskindern gut aufgestellt. Allerdings kommt wegen des anhaltend großen Zuzugs noch viel Arbeit auf alle Schulformen zu. Das war die Quintessenz einer Podiumsdiskussion, zu der die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in die Lagerhalle eingeladen hatte.

Im gut besuchten Spitzboden gab Sigmar Wahlbrecht vom Flüchtlingsrat Niedersachsen zunächst eine kurze Einführung in das Thema Flüchtlinge. Er wies darauf hin, dass unter den hunderttausenden Menschen viele Kinder und Jugendliche sind. Für sie alle gilt eine zwölfjährige Schulpflicht. Davon nicht betroffen sind die Minderjährigen in den Erstaufnahmeeinrichtungen wie in Hesepe und am Natruper Holz. Dort sorgt das Projekt „Freizeit für Flüchtlingskinder“ für etwas Abwechslung im Alltag, berichtete Andreas Neuhoff, Vorsitzender des Vereins Exil.

Die Schulpflicht greift, sobald die Familien mit ihren Kindern einer Kommune zugewiesen werden, in der sie länger leben werden. In Osnabrück ist Gaby Grosser von der Regionalen Arbeitsstelle für Zuwandererfamilien für die Beratung der Eltern, oft mithilfe von ehrenamtlichen Dolmetschern, zuständig. Sie hält Kontakt zu den Schulen, von denen alle zur Aufnahme von Flüchtlingskindern verpflichtet seien.

„Seit 2004 gibt es in Osnabrück Sprachlernklassen“, sagte sie. Aber seit im Som- mer der extrem hohe Zuzug eingesetzt hat, „stoßen wir an unsere Grenzen“. Zwar gebe es einen Landeserlass, dass überall dort, wo Sprachlernklassen eingerichtet werden müssen, Personal eingestellt wird. „ Aber wir müssen ja auch Räume finden.“

Über ihre Erfahrungen als Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) sprach Anna Aperti von der Bertha-von-Suttner-Realschule. Die jungen Zuwanderer müssten nicht allein Deutsch lernen, ebenso wichtig seien soziale Kontakte, der Anschluss an Mitschüler.

„Kinder, die alles verloren haben und deren Leben aus den Fugen geraten ist, brauchen Verlässlichkeit und feste Strukturen.“ Das sagte die Osnabrückerin mit der größten Erfahrung auf diesem Gebiet: Anke Fedrowitz. Die ehemalige DaZ-Lehrerin hatte schon in den 1980er-Jahren während des Balkan-Krieges in der Caprivi-Kaserne eine Schule für die Flüchtlingskinder mit aufgebaut.

Kinder trügen die Hauptlast der Flucht: „Sie haben es sich nicht ausgesucht.“ Aber in Deutschland würden diese Kinder oft als Problem angesehen, das abgearbeitet werden muss, ärgert sich Fedrowitz.

Ausbildungsplatzvermittler Uwe Koch von der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland stellte ein Projekt vor, bei dem die Handwerkskammer 2016 landesweit 500 Flüchtlinge in eine Ausbildung mit zusätzlichem Sprachunterricht vermitteln will. Schon jetzt arbeite die Handwerkskammer eng mit den Berufsbildenden Schulenzusammen.

Allein das Berufsschulzentrum am Westerberg hat sieben Sprachlernklassen und plant vier bis fünf weitere. Berufsschulen seien die Einzigen, die Schüler der Sekundarstufe II aufnehmen, hieß es während der Diskussion. Aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse sei selbst noch so begabten Jugendlichen der Wechsel von einem Gymnasium in der Heimat auf ein Gymnasium in Deutschland so gut wie nicht möglich.

Die Beurteilung der Kinder dürfe sich nicht auf mangelnde Deutschkenntnisse konzentrieren, sondern ihre Kenntnisse der Erstsprache anerkennen und sie darin bestärken, diese weiter zu pflegen, forderte Fedrowitz. Leider sei der Unterricht in Herkunftssprachen stark heruntergefahren worden.

(Ein Artikel von Ulrike Schmidt, Redakteurin in der Redaktion Lokales Osnabrück in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 21.11.2015)

Sigmar Wahlbrecht vom Flüchtlingsrat Niedersachsen gab zu Beginn des Diskussionsabends eine kurze Einführung in das Thema.

Quelle: Thomas Osterfeld

Sigmar Wahlbrecht vom Flüchtlingsrat Niedersachsen gab zu Beginn des Diskussionsabends eine kurze Einführung in
das Thema.

 

 

 

 

 

 

 

Die Diskussionsrunde im Spitzboden der Osnabrücker Lagerhalle

Quelle: Thomas Osterfeld

Die Diskussionsrunde im Spitzboden der Osnabrücker Lagerhalle

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